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Vogelwelten im Reisfeld
Der Naturpark "Delta de l'Ebre"

Flamingos im Ebrodelta: Zwischen Dünen, Schilf, Lagunen und Mittelmeer lassen sich die graziösen Vögel bestens beobachten.

"BBaby, es gibt Reis!" ist der erste Gedanke, als wir unser Hotelzimmer im Ebrodelta beziehen. Statt Blumen oder Obst hat man uns als Willkommensgruß eine Tüte Reis auf den Tisch gestellt. Es dauert eine Weile, bis wir begreifen, dass man uns hiermit den symbolischen Schlüssel zum gesamten Leben dieser Region in die Hände gelegt hat.
Der Ebro hat keine Eile. Ruhig und bedächtig fließt er durch sein breites Bett in Richtung Mittelmeer. Hier und dort greift er mit langen, schmalen Armen in die Schilflandschaft des Ufers, reißt Inselchen vom Land ab und bildet Kanäle, die sich zu grünen, geheimnisvollen Labyrinthen verzweigen. Wo die Schilflandschaft endet, beginnen die Reisfelder, die bis zum Horizont reichen. Über dem Grün der Felder liegt ein blassblauer Septemberhimmel, an dem langsam die Schäfchenwolken ziehen.
Zwischen den Reispflanzen steht ein einsamer Reiher auf einem Bein und schaut melancholisch dem Bus hinterher, der wohl eine kleine Gruppe von Urlaubern an ihren Bestimmungsort bringt. Als das Motorengeräusch in der Ferne verhallt, ist alles nur noch Weite und Stille, so scheint es. Doch der Schein trügt.
Bis zu 350 unterschiedliche Vogelarten leben im Naturpark "Delta de l'Ebre", viele von ihnen in den Reisfeldern. Manche von ihnen überwintern hier, andere nutzen das Delta als Rastplatz auf ihrem Weg nach Afrika, wieder andere verbringen als "Standvögel" ihr ganzes Leben zwischen Reisfeldern, Lagunen und Mittelmeer. Das Delta, mit seiner Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume, ist ein Vogelparadies, ein von Menschenhand geschaffenes und EU-gefördertes Vogelparadies obendrein und ein Naturpark, der seinen Status in erster Linie einer menschlichen Aktivität verdankt: dem Reisanbau.
Zu dieser erstaunlichen Einsicht gelangen wir dank Ignasi, einem kleinen, kräftigen Mann, der es fertigbringt, gleichzeitig freundlich und kämpferisch aus seinen flinken, dunklen Augen zu schauen. Der Button SEO/Birdlife auf seiner Jacke weist ihn als Umwelt- und Vogelschützer aus und damit als einen viel beschäftigten Mann: Er durchstreift die Dünenlandschaft und entfernt Fremdpflanzen, die das sensible Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen könnten; er bekämpft Jagdtechniken, die nicht nachhaltig oder sogar grausam sind; er lädt Schulklassen ins Delta ein, um mit ihnen gemeinsam Vögel zu beringen – schließlich liege in den Händen der Kinder die Zukunft des Deltas – und manchmal legen er und seine Kollegen sich auch mit der Regierung an. So zum Beispiel im Frühling 2008, als Wasser aus dem Ebro nach Barcelona umgeleitet werden sollte. "Aus rein wirtschaftlichen Günden!", versichert Ignasi und erklärt, warum dies das Ende des Ökosystems Ebrodelta bedeuten würde.
Reis ist Leben
Bevor man Mitte des 19. Jahrhunderts begann, in der Region Reis anzubauen, ließ sich das Land nur als Weideland nutzen. Zu salzhaltig war der Boden am Zusammenfluss von Ebro und Meer, um irgendeine andere Form von Landwirtschaft zu betreiben. Erst mit Beginn des Reisanbaus wurde in großen Mengen Süßwasser aus dem Ebro ins Delta geleitet und somit die Voraussetzung für die Entstehung unterschiedlichster Lebensräume für Vögel, Fische und Amphibien geschaffen: Süßwasser- und Brackwasserlagunen, mit Röhricht bewachsene Ufergebiete, Sumpflandschaften und Weideflächen – schließlich auch die Reisfelder selbst. Seit 1995 werden sie dank EU-Förderung und staatlichen Geldern selbst im Winter bewässert, um den Zugvögeln einen optimalen Lebensraum zu schaffen. Ohne die Bewässerung der Reisfelder und die Weiterleitung des Wassers von den Feldern in den Naturpark würden die Böden versalzen, das gesamte Ökosystem würde kollabieren und die Zugvögel würden einen ihrer wichtigsten Anlaufpunkte und Rastplätze verlieren.

Schilfdächer an der Costa Brava: Mit Rad, Kahn oder Pferdewagen können Besucher das Delta erkunden.
Informationen
Bahnanreise
Mit dem ICE nach Brüssel, von dort aus mit dem Thalys nach Montpellier, weiter mit dem Schnellzug nach Barcelona.
Von Barcelona aus gibt es reguläre Buslinien ins Ebrodelta in die Orte Amposta, Deltebre und Sant Carles de la Rápita.
Allgemeine Informationen
Katalonien Tourismus, E-Mail: info@katalonien-tourismus.de, Tel.: +49 (0)69 74224873, www.catalunyaturisme.de
Infos speziell zum Ebrodelta
www.terresdelebre.travel (Aktivitäten, Unterkunft, Gastronomie, Strandurlaub, Turismo Rural, Ökotourismus etc.)
Aktivitäten
www.restaurantestany.com - Lo mas de la Cuixota: Restaurant, Fahrradverleih, Fahrten im Stakboot, im Pferdewagen etc.
www.naturayaventura.com - Fahrrad und Kanuverleih, Canyoning in den oberhalb des Deltas liegenden Bergen von Els Ports
Birdwatching und Vogeljagd
Um den Naturpark hautnah und als lebendige Landschaft zu erleben, haben wir am Restaurant L’Estany Fahrräder gemietet, und nun treten wir kräftig in die Pedale, fühlen die Sonne auf der Haut und den Wind in den Haaren, die in der feuchten Luft sich zu kräuseln beginnen. Die Wege sind ganz eben und nach einem üppigen Mittagessen, bestehend aus unterschiedlichsten Fisch-, Muschel- und Reisgerichten, gibt es nichts Schöneres, als sich ohne große Anstrengung zu bewegen. Aber wir halten auch öfter an, denn an den Wegen laden kleine Aussichtstürme ein, Vögel zu beobachten: im Röhricht, in den Lagunen, in den Dünen. Um die vielen verschiedenen Vogelarten unterscheiden zu können, braucht man schon eine Menge Übung – oder einen Führer wie Ignasi, der jedes Exemplar beim Namen nennen kann: die Löffel?enten, Pfeifenten und Schnatterenten, die Korallenmöwen, Dünnschnabelmöwen und Raubseeschwalben, die Rallenreiher und die Silberreiher. Nur die Flamingos erkennen auch wir von weitem – und verfallen dem Zauber ihrer langen Hälse und rosigen Federn. "Birdwatching" ist eines der Schlagworte des nachhaltigen Tourismus, den man hier seit einigen Jahren zu etablieren versucht. "Touristen, die zum Birdwatching ins Delta kommen, tragen zum Erhalt der hiesigen Ökosysteme bei. Das Gleiche gilt übrigens auch für die Jäger, deren Interesse an der außergewöhnlich vielfältigen Vogelfauna etwas anders gelagert ist", erklärt Ignasi mit schiefem Lächeln. "Die Leute im Delta müssen von irgendetwas leben, und der Tourismus ist eine bedeutsame Einnahmequelle. So lange die Regeln des Artenschutzes und der Nachhaltigkeit berücksichtigt werden, ist auch der Jagdtourismus im Interesse des Deltas", erklärt der Vogelschützer ohne einen Hauch von Fanatismus und fügt dann hinzu: "Aber wir brauchen nicht mehr davon, als wir schon haben!"
Zum Glück gibt es ja reichlich Alternativen. Mit einem Stakboot durch die engen Kanäle des Deltas gleiten und dabei gelegentlich gegen eine Wand aus Schilf prallen, mit dem Pferdewagen auf schmalen Wegen durch die Reisfelder fahren oder einfach mal einen Tag an den langen, weißen Mittelmeerstränden verbringen. Hier lassen wir uns eine Weile die Sonne auf den Bauch scheinen, bevor es uns dann doch wieder ins Naturschutzgebiet der Dünen zieht. – Ignasi hat ganze Arbeit geleistet.
Eva Hakes


